Contributed by gerhard kuerner
Interessante Fundstücke und Meinungen zum Wandel der Medienlandschaft
Gedrucktes Internet: Springers "Welt kompakt" erscheint heute als "Scroll Edition" - die komplett von Bloggern erstellte Sonderausgabe hat ein um 90 Grad gedrehtes Layout, das an das Scrollen von Websites erinnern soll, und kommt als meinungslastiges Magazin im Zeitungsdesign daher. Für 23 Blogger wurde die Produktion zur Lehrstunde über die Beschränkungen, denen eine gedruckte Tageszeitung unterworfen ist. Für turi2 war Florian Treiß vor Ort.
Tagesaktuelles kommt in der Blogger-Ausgabe nur am Rande vor: Die Wahl von Christian Wulff zum neuen Bundespräsidenten wird knapp vermeldet und mit einigen Twitter-Kommentaren garniert. Die restliche Aktualität findet sich in der Spalte "Blogger News", die sich durch die ganze Zeitung zieht und mit Agenturmeldungen bestückt ist. Bevor die Sonderausgabe entstehen konnte, musste "Welt kompakt" aber erst einmal gegen einen "Shitstorm" ankämpfen, wie Frank Schmiechen gleich beim Kennenlernen mit den 23 Bloggern am Mittwoch in den Räumen der Axel-Springer-Akademie bedauert: Diskussionen in der Blogosphäre, ob man überhaupt für Springer schreiben dürfe und ob nun Honorare gezahlt würden oder nicht, hätten ihn ganz schön genervt, so der Vize-Chefredakteur. "Welt"-Chefredakteur Jan-Eric Peters ist nun auf jeden Fall gespannt, wie die Blogger die Rolle Journalist neu definieren, und will selbst nicht entscheiden, welche Themen in der Zeitung stehen sollen.
Als Schmiechen und der leitende Redakteur Matthias Leonhard das Konzept vorstellen, machen die Blogger große Augen: Die 32 Seiten sind eigentlich schon voll, weil jeder Blogger vorab eine zeitlose Geschichte abgegeben hatte.
Schmiechen begründet die fast fertige Ausgabe damit, er habe ein "Sicherheitsnetz" errichtet, damit auch ja nichts schiefgeht und die Zeitung am nächsten Tag erscheinen kann. Auf den Einwurf der Blogger, man könne doch einfach mehr Seiten drucken, erklärt Schmiechen, Ziel der Aktion sei es auch, den Bloggern die Limitationen von Print aufzuzeigen. Schließlich entscheiden die Blogger bei Klassentreffen-Atmosphäre, keinen der fertigen Texte rauszuwerfen, sondern sie als Grundlage zu nehmen und an ihnen zusammen mit Schmiechen nochmals zu feilen. Auch zwei Ideen, die zunächst noch die Mehrheit gutfindet, müssen später wieder über den Haufen geworfen werden: Die tagesaktuelle Meldungsspalte mit 140-Zeichen-Meldungen à la Twitter zu füllen, geht nicht ganz auf. Und eine den Blogs nachempfundene Kommentar-Diskussion zur Wahl des neuen Bundespräsidenten funktioniert nicht, weil bereits um 20.30 Uhr angedruckt werden muss - und da steht der neue Präsident noch gar nicht fest. So müssen die Blogger dann feststellen, wie schmerzhaft es ist, wenn es einen Redaktionsschluss gibt.
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